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Tiefkühlversicherung

Stammzellen von Neugeborenen sollen Leben retten. Ob die Zellen aus dem Nabelschnurblut den Spendern selbst helfen werden, ist ungewiss.
von Anika Taiber
Benedikt ist acht Wochen alt. Er döst im Kinderwagen, seine Mutter Manuela Friedrich (Namen geändert, Red.) schiebt ihn sanft hin und her. Benedikt hat jetzt schon eine Lebensversicherung: seine eigenen Stammzellen, entnommen aus seinem Nabelschnurblut bei der Geburt.
Sie lagern in Erlangen, etwa eine Stunde vom Haus seiner Eltern in Eichstätt entfernt. Flüssiger Stickstoff kühlt sie auf minus 175 Grad Celsius herunter. „Es ist einfach eine Sicherheit – vielleicht kann man ihm damit helfen, wenn er krank wird“, sagt Manuela Friedrich, 28 Jahre alt. „Aber es ist auch ganz schön teuer. Wir konnten das nur machen, weil meine Mutter gesagt hat, dass sie es bezahlt.“
Teure Investition

2400 Euro kostet die Einlagerung von Stammzellen. Die Firma Eticur wirbt mit der Möglichkeit, bei der Geburt die Stammzellen zu entnehmen und unmittelbar einlagern zu lassen – zunächst für 21 Jahre.
Danach kann Benedikt selbst entscheiden, ob seine Stammzellen weiter aufbewahrt werden sollen.
Das klingt nach einer sinnvollen Investition in die Zukunft des Kindes. Und genau so wird es auch in unzähligen Broschüren bei Frauenärzten und Anzeigen in Elternzeitschriften beworben.
Die Branche boomt: „In letzter Zeit sind es immer mehr Eltern geworden, die die Stammzellen ihres Kindes privat einlagern wollen“, sagt Manfred Kynast, Gynäkologe aus Eichstätt.
Private Einlagerung – nur Kommerz?
Kynast aber warnt seine eigenen Patientinnen: „Bei den Privaten ist da auch viel Kommerz dabei.“ Eine Einlagerung in einer öffentlichen Datenbank sei sinnvoller. Dort wird das Stammzellenpräparat untersucht und eingelagert.
Die Daten werden allen zur Verfügung gestellt, die eine Stammzelltransplantation benötigen. Und das – im Gegensatz zu der privaten Einlagerung – völlig kostenlos.
„Unsere Arbeit rechnet sich trotzdem“, sagt Andrea Meyer von der öffentlichen José Carreras Stammzellbank in Düsseldorf. „Wir bekommen das Geld für die tatsächlich verwendeten Transplantate von den Krankenkassen bezahlt, und können mit dem Geld dann wiederum neue Transplantate einlagern.“
Bei den privaten Unternehmen ist hingegen nicht sicher, ob die Transplantate überhaupt jemals gebraucht werden. Uta Spindler von der privaten Stammzellbank Vita34 gibt an, dass sie bisher 14 Kinder mit Stammzellen behandelt hätten.
In drei von diesen Fällen seien nicht die Spenderkinder selbst, sondern ihre Geschwister krank gewesen. Die Stammzellen von Geschwistern passen häufig besser als die von fremden Spendern.
Studienbelege fehlen
Typische Erkrankungen, die mit Stammzellen behandelt werden, sind vor allem Blutkrebs-, also Leukämie-Erkrankungen.
Tobias Cantz, seit sechs Jahren in der Stammzellforschung aktiv, forscht derzeit im Max-Plack-Institut in Hannover nach zukünftigen Möglichkeiten, Stammzellen einzusetzen.
„Der Gebrauch von privat eingelagerten Stammzellen ist schlicht noch Zukunftsmusik“, sagt er. „Es gibt wohl ein paar Fälle, bei denen es anscheinend geklappt hat, jemanden mit eigenen Stammzellen zu therapieren. Aber der richtige Beleg mit Studien fehlt noch.“
Die Uhr wird nur auf Null gestellt
Gut belegt sind im Gegensatz dazu die Erfolge mit Stammzellen von anderen Menschen. Da sie häufig bei Leukämie eingesetzt werden, ist es wichtig, dass die Krankheit in dem Stammzelltransplantat nicht ebenfalls enthalten ist.
„Bei den Stammzellen des eigenen leukämiekranken Kindes ist die genetische Ausstattung nicht gut. Bestenfalls würde man die Uhr damit auf Null setzen.“ Bei Leukämie-Erkrankungen sei daher der Einsatz von fremden Stammzellen erfolgsversprechender.
Wozu also werden die eigenen Stammzellen überhaupt eingesetzt? Uta Spindler von Vita34 berichtet von einer Verwendung bei Diabetes eins, also Zuckerkrankheit.
Bei einer Studie „wurden die Stammzellen kurz nach der Diagnose eingesetzt und so die insulinbildenden Zellen nicht weiter zerstört.“ Statistisch gesehen ist das aber ein Einzelfall. In Deutschland gibt es noch keine weiteren Ergebnisse.
Aggressive Werbung der Privaten
Manfred Kynast sitzt am Schreibtisch in seiner Praxis. Er blättert durch die Werbebroschüren der Einlagerunternehmen. Glückliche Mütter, gesunde Kinder – trotz aller Versprechungen bleibt der Gynäkologe skeptisch: „Es gibt keine richtigen Studien über Therapien mit eigenen Stammzellen.“
Darüber könne auch die aggressive Werbung der Stammzellbanken nicht hinwegtäuschen. „Da steckt ein deutliches wirtschaftliches Interesse dahinter. Die Firmen sind recht drängend, auch im Honorarbereich.“
Die Honorare für die Ärzte seien in dieser Sparte im Vergleich zu anderen Leistungen hoch. Pro Frau, die sich für eine private Einlagerung von Stammzellen ihres Babys entscheidet, bekommt ein Arzt beispielsweise bei Eticur zwischen 90 und 150 Euro.
Dazu kommen noch einmal knapp 42 Euro, wenn er bei der Geburt dabei ist und die Stammzellen entnimmt.
Privat einlagern – öffentlich spenden
Öffentliche Stammzellen-Spenden sind für die Mediziner weit weniger lohnenswert. Hier können sie nur die Entnahmegebühr abrechnen.
Bevor das Feld der Stammzellspende nicht besser erforscht ist, tritt Kynast nicht von sich aus mit dem Vorschlag der Stammzelleneinlagerung an Patientinnen heran.
Manuela Friedrich hat die Stammzellen von Benedikt nur für ihn selbst eingelagert, falls er sie einmal brauchen sollte. „Es war uns klar, dass wir das nur für ihn machen.“
Es gibt allerdings auch die Option, die Stammzellen privat einzulagern, die Daten aber für eine öffentliche Spende zur Verfügung zu stellen. Wenn jemand genau dieses Stammzelltransplantat braucht, tritt das entsprechende Unternehmen an die Eltern heran.
Private Einlagerung ist Luxus
Diese müssen sich dann erneut entscheiden: Geben wir das Transplantat dem, der es braucht, oder heben wir es weiter für unser Kind auf? Bei einer Freigabe würden zwar die bisher entstandenen Kosten erstattet, die Stammzellen für das eigene Kind wären aber verloren.

„Das wäre ein zu großer Konflikt für uns“, sagt Manuela Friedrich. „Was ist, wenn sie das eigene Kind dann zwei Monate später braucht?“
Stammzellforscher Tobias Cantz ist da anderer Meinung: „Die Chance, im Notfall zu spenden, ist eigentlich charmant, wenn die Stammzellen dann jemand anders helfen können.“
Trotzdem, sagt Cantz, sei die private Einlagerung Luxus. „Eine Ausbildungsversicherung ist wahrscheinlich sinnvoller. Wenn aber noch mehr finanzieller Spielraum da ist, kann ich es gut nachempfinden, wenn Eltern auf Nummer sicher gehen wollen.“
Die öffentliche Einlagerung sei auf jeden Fall eine gute Lösung: „Die Zellqualität von Babys ist gut, die Stammzellen sind noch ohne Giftstoffe und von höchster Güte. Es wäre schade, sie wegzuwerfen.“
Im Notfall könne man ja auch auf die Stammzellen aus einer öffentlichen Datenbank zugreifen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Stammzellen im Ernstfall noch zur Verfügung stehen, sei groß.
Forschung wird sich über die Bedeutung nicht einig
Bei einer privaten Einlagerung setzt man auf die ungewisse Zukunft. Uta Spindler von Vita34 sieht große Chancen: „Die eigenen Stammzellen werden eine große Bedeutung haben. Sie bergen ein großes Reparaturpotenzial, und es ist sehr realistisch, Hirnschäden und Herzinfarkte so behandeln zu können. Irgendwann wird man auch neues Gewebe herstellen können.“

Stammzellforscher Tobias Cantz ist weniger zuversichtlich: „Vor zehn Jahren hatte man die Vorstellung, dass man diese Zellen eines Tages beispielsweise in Leberzellen umwandeln könnte. So einfach ist das aber nicht.“
Es sei noch schwer abzuschätzen, ob Stammzellen aus Nabelschnurblut in dieser Hinsicht überhaupt brauchbar seien oder ob es noch andere Quellen gibt.
Im Gegensatz zu embryonalen Stammzellen, also Zellen nach der Befruchtung der Eizelle, sind Stammzellen aus Nabelschnurblut nicht pluri-, sondern nur multipotent. Das heißt, sie lassen sich nicht in alle möglichen Zellen verwandeln.
Zukünftige Entwicklung ungewiss
Das Problem bei Stammzellen aus Nabelschnurblut liegt also in der Umspezialisierung zu anderen Zellen, und zwar zu denen, die bei der entsprechenden Erkrankung gebraucht werden.

„In den nächsten fünf Jahren wissen wir vielleicht, ob das klappt. Und dann ist immer noch die Frage der Vermehrung zu klären, um ein ausreichendes Transplantat zu bilden.“ Eine Prognose sei aber schwierig: „Das Feld entwickelt sich sehr schnell. Das Schaf Dolly wurde erst vor zehn Jahren geklont. Man kann einfach nicht sagen, was sich dort tun wird.“
Benedikt dreht sich im Schlaf in seinem Kinderwagen. Seine Mutter schiebt den Kinderwagen wieder sanft hin und her, ihr Blick ruht auf seinem kleinen Körper. „Forschung hin oder her – ich hoffe, wir werden seine Stammzellen nie brauchen.“
Anika Taiber (22) hat Nabelschnurblut unterschätzt, findet aber, dass sich Eltern zu viele Sorgen machen.
Links:
- Anwendung von Nabelschnurblut/Grafik
- Expertendiskussion Nabelschnurblut: nabelschnurblut-experten.de bzw. nabelschnurblut-tv.de
- Definition von Nabelschnurblut auf Wikipedia
- Definition von Stammzellen auf Wikipedia

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