Kontakt + RSS
Auf Talfahrt
1: Ladinisch auf Talfahrt | 2: Sprachkurs: Ladinisch | 3: 10 Dinge über das Ladinische
Nur noch 19 000 Menschen in Südtirol sprechen Ladinisch. Die Bevölkerung pflegt die Minderheitensprache – aber in jedem Tal eine andere Ausprägung. Der Plan für eine Standardsprache birgt Streitpotential.
von Stephanie Huber
"Ocio, ocio!“, ruft die fünfjährige Ruth, als sie mit ihrem pinken Fahrrad über den Vorhof des Kindergartens pest. Sie reißt den Lenker herum und ruft noch einmal „Achtung, Achtung!“
Ein paar Jungen springen zur Seite. Ruth strampelt schnell und biegt um die Hausecke, vorbei an der Eingangstür des Kindergartens „Salieta“ in St. Ulrich, Südtirol.
Durch die gläsernen Türen scheinen die Worte: Bënunii, Willkommen, Benvenuti.
Dreisprachig mit drei Jahren
Ruth ist fünf Jahre alt und spricht drei Sprachen: Italienisch, Deutsch und Ladinisch. Sie ist eines der wenigen Kinder in Südtirol, das dreisprachig aufwächst. Deutsch und Italienisch sind in ganz Südtirol gleichberechtigte Amtssprachen.
Ladinisch hingegen ist nur regionale Amtssprache in den Dolomitentälern Gröden und Gadertal. Alle Behördentexte müssen hier auf Ladinisch verfasst werden und alle Beamten die Sprache beherrschen.
„Bon di! Bitte?“, begrüßt Karl Gustav Mahlknecht eine junge Frau in der Gemeinde St. Ulrich. Er ist Angestellter im „Demographischen Amt“ und jongliert in seinem Berufsalltag ständig mit dem ladinischen „Bon di“, einem „Griasdi“ im deutschen Dialekt und dem italienischen „Buongiorno“.
Welche Sprache sein Gegenüber spricht, weiß er intuitiv. Meist kennt er die Leute, die zu ihm kommen, auch persönlich. Denn St. Ulrich in Gröden hat nur 4500 Einwohner, und Mahlknecht lebt dort schon sein ganzes Leben.
30 000 aktive Sprecher in ganz Italien
St. Ulrich ist eine von acht Gemeinden in Südtirol, in denen größtenteils Ladinisch gesprochen wird. Insgesamt hat Südtirol 116 Gemeinden. 82 Prozent der St. Ulricher bekannten sich in der letzten Volkszählung zur ladinischen Volksgruppe.
Mit geschätzten 30 000 aktiven Sprechern in ganz Italien ist Ladinisch seit 1991 von der EU offiziell als Minderheitensprache anerkannt. Auch auf Landesebene sind die Rechte der Ladiner im zweiten Autonomiestatut Südtirols festgeschrieben.
Es garantiert der ladinischen Minderheit unter anderem einen proportionalen Anteil an öffentlichen Stellen, die Präsenz ihrer Sprache in den Medien und den Ladinisch-Unterricht.
„Südtirol hat es Gott sei Dank geschafft, uns Ladinern Rechte zu geben, die unsere Volksgruppe schützen. Ohne die sähe es schlecht aus für uns“, stellt Professor Paul Videsott fest. Er ist ladinischer Muttersprachler und arbeitet am weltweit einzigen ladinischen Institut an der Universität Brixen.
Er befürchtet bei der nächsten Volkszählung 2011 einen Rückgang der ladinischen Volksgruppe: „Die Demografie läuft einfach gegen uns.“
Die Geburtenrate der Südtiroler ist niedrig. Zwar haben touristische Gemeinden wie St. Ulrich viele Einwanderer – die sprechen aber kein Ladinisch. Allein dadurch wird die Zahl der Ladiner in Zukunft schrumpfen.
Karrieresprache Deutsch
Videsott machen nicht nur die Einwanderer Sorgen, sondern auch die Einheimischen selbst. „In St. Ulrich gibt es beispielsweise immer wieder Phasen, in denen Eltern – ladinische Muttersprachler – glauben, ihre Kinder deutsch erziehen zu müssen.
Vor allem als der Tourismus in den 1960er Jahren begann, den Ladinern Reichtum zu bescheren, galt Deutsch als Karrieresprache, Ladinisch hingegen als rückständige Sprache der Bauern.
Auch im Elternhaus des Gemeindemitarbeiters Karl Gustav Mahlknecht wurde Deutsch gesprochen, obwohl beide Eltern ladinische Muttersprachler waren. „Das Deutsch meines Vaters war nicht sonderlich gut. Aber er ging mit dem damaligen Trend und redete mit mir und meinen Geschwistern Deutsch.“
Untereinander sprachen Mahlknechts Eltern Ladinisch. So lernte er die Sprache und betrachtet sie als seine Muttersprache. „Ich rechne, denke und träume auf ladinisch.“
Noch trifft dies auch auf den Großteil der St. Ulricher zu. Doch Mahlknecht hat Zweifel, ob seine Sprache auch noch in ein paar Jahrzehnten existieren wird. „Es könnte passieren, dass unsere gesamte Kultur einfach verschwindet und zur Geschichte wird – das stimmt mich schon traurig.“
Dreisprachigkeit: Verdienst des Bildungssystems
Mit den Kollegen in der Gemeinde spricht er größtenteils Ladinisch, mit seiner Frau und den beiden Kindern Deutsch. Da seine Frau im deutschsprachigen Sarntal aufgewachsen ist, entschied er sich, zusammen mit ihr, die Kinder auf Deutsch zu erziehen.
„Uns war es wichtig, dass die Kinder eine Sprache vernünftig beherrschen, den Rest lernen sie in der Schule“, erklärt Mahlknecht. Außerdem legte das Ehepaar Wert darauf, dass sich ihre Kinder mit den Großeltern unterhalten können, die nur Deutsch sprechen.
Obwohl die Mahlknechts eine mehrsprachige Erziehung ablehnen, kann ihre Tochter mit sechs Jahren Italienisch und Ladinisch sprechen. Für Mahlknecht ist dies der Verdienst des Kindergartens. „Das dreisprachige Bildungssystem hier in Gröden stellt sicher, dass die Kinder Ladinisch lernen.“
Zwei Stunden Ladinisch in der Woche
In Südtirol gibt es nur in Gröden und im Gadertal dreisprachige Schulen. Gleichberechtigt sind die drei Sprachen dennoch nicht. Die Hälfte der Fächer wird hier auf Deutsch unterrichtet, die andere auf Italienisch.
Zudem finden sich in den Stundenplänen der Grundschüler zweimal die Woche Ladinisch-Stunden, in den Oberschulen nur noch eine.
Auch Kindergärten in Gröden und im Gadertal setzen auf die Dreisprachigkeit. So zum Beispiel die Einrichtung „Salieta“ in St. Ulrich.
Die fünfjährige Ruth Stuffer besucht sie schon seit drei Jahren. Ihre Mutter Irene Malisner Stuffer hat ihre beiden Töchter und ihren Sohn in ihrer Muttersprache Ladinisch erzogen.
Und obwohl ihr Mann im Kindesalter zu Hause nur Deutsch gesprochen hat, sieht auch er sich als Ladiner. Daher spricht die Familie zu Hause ausschließlich Ladinisch. „Bei uns gab es da keine große Diskussionen, das war reine Gefühlssache. “
Mit „Hoila mami“ begrüßt Ruth ihre Mutter und plaudert auf Ladinisch über ihren Vormittag. Die Kindergärtnerin hilft Ruth in den Regenmantel. Die Erzieherin trägt ein grünes Kleid und eine Kette aus kinderfaustgroßen Holzkugeln – ebenfalls in Grün.
Die Farbe Grün symbolisiert im Kindergarten „Salieta“ die ladinische Sprache. Rot steht für Deutsch, Gelb für Italienisch. Nach dem Modell „Eine Farbe – eine Sprache“ dürfen die Kinder mit einer Erzieherin nur die Sprache sprechen, für die ihre Kleidung steht.
Großteil spricht Deutsch
Ruth hüpft die Treppen im Kindergarten hinunter. Im Schlepptau hat sie einen blonden Jungen, der wie sie eine Tüte in der Hand trägt. „Zeig, was hast du!“, fordert Ruth ihn auf – sie spricht mit dem Jungen fast immer Deutsch.
„Wir Ladiner haben die Angewohnheit, uns immer der Sprache des Gegenübers anzupassen“, erklärt Irene Malsiner Stuffer. Auch sie hat Bedenken, was die Zukunft ihrer Muttersprache betrifft.
In der Kindergartengruppe von Ruth sind von 25 Kindern nur noch fünf ladinische Muttersprachler, die anderen sprechen zu Hause Deutsch. In der Schulklasse ihrer zwölfjährigen Schwester halten sich die beiden Sprachen die Waage.
Die zwei Stunden Ladinisch in der Woche hält Irene Malsiner Stuffer für ausreichend. „Nicht die Politik muss sich ändern, sondern das Bewusstsein der Menschen.“
Gefahr durch den Tourismus
Zwar glauben 45 Prozent der Ladiner, dass die Rolle des Ladinischen unverändert bleibt. Dagegen ist aber ein Drittel davon überzeugt, dass die Sprache an Bedeutung verlieren wird.
Vor allem Jüngere sehen die Zukunft des Ladinischen eher pessimistisch. Sie denken an den Tourismus, der sowohl Motor der örtlichen Wirtschaft als auch Gefahr für die ladinische Sprache ist.
Mehr als die Hälfte der St. Ulricher arbeitet in der Gastronomie oder im Wintersportbereich. Hotels und Restaurants pflastern den Stadtkern und die umliegenden Teile des beliebten Urlaubsortes.
In der achtmonatigen Hauptsaison kommen vor allem italienische Touristen nach St. Ulrich. Dadurch ist auch das Italienische im Alltag allgegenwärtig.
Verschiedene Sprachausprägungen
St. Ulrich zieht aber nicht nur viele Touristen an, sondern auch viele Einwanderer. Sie sind die Stütze des Tourismus, lernen Deutsch und Italienisch – was beides in der Gastronomie gesprochen wird. Ihre Kinder bekommen zwar alle drei Sprachen in der Schule beigebracht, sprechen sie aber nicht zu Hause.
„Eine Sprache kann nur leben, wenn sie gesprochen wird – und zwar richtig!“, sagt Mahlknecht.
Richtig zu sprechen: Damit kritisiert er die Standardsprache des Ladinischen, das sogenannte Ladin Dolomitan. Was im Gadertal und in der Standardsprache „lingaz“ heißt, bezeichnen die Grödner als „rujeneda“. Beide Wörter bedeuten „Sprache“, doch das Ladinische hat insgesamt fünf Sprachausprägungen, die Menschen sprechen in jedem Tal ein wenig anders.
Standardsprache als Chance für das Ladinische
Menschen wie Professor Videsott wünschen sich eine einheitliche Schriftsprache. Er sieht im Dolomitan eine Chance für die ladinische Sprache. „So wären wir eine Sprachgruppe, und nicht fünf Dialekte, die immer schneller auseinanderdriften.“
Er ärgert sich über Ladiner, die ihren Kindern Deutsch lehren und sich gegen das Dolomitan als Schriftsprache stellen. „Das wäre genauso, wie wenn ein Bayer Hochdeutsch als Schriftsprache ablehnt, nur weil er daheim Dialekt spricht.“
Totengräber des Ladinischen
Für Mahlknecht ist das Dolomitan jedoch eine künstliche Sprache: „Das Dolomitan nimmt uns die Vielfalt der Sprache und unsere Identität!“
Wirklich durchgesetzt hat sich die Standardsprache zwar nicht, einige Wörter werden aber nach und nach in den täglichen Sprachgebrauch aufgenommen. Unterstützt wird dies vor allem durch die Medien.
So verwenden viele Journalisten das Wort „lingaz“ für „Sprache“ (sowohl auf Gadertalisch als auch auf Dolomitan) und verdrängen dadurch das grödnerische Wort „rujeneda“.
Für Mahlknecht liegt genau in dieser Entwicklung die Gefahr für das Ladinische. Für ihn ist das Dolomitan der Totengräber des Ladinischen. „Wenn unsere Kinder nur noch das Dolomitan lernen, müsste ich aufhören, mich mit ihnen auf Ladinisch zu unterhalten, weil sie für mich eine fremde Sprache sprechen und ich für sie.“
Auch Irene Malsiner Stuffer kann sich nicht mit dem Dolomitan anfreunden. „Es ist eine andere Sprache, nicht meine.“
Zusammen mit ihrer Tochter schlendert sie am Museum „Haus der Ladiner“ vorbei, an dessen Hauswand steht: „Gherdeina, Gherdeina de l’oma si rujné, rejona, rejona y no te l dejmince“ – „Ladinisch, ladinisch, die Sprache der Mutter, sprich, sprich und vergiss sie nicht“.
Seite 2: Sprachkurs: Ladinisch
Seite 3: 10 Dinge über das Ladinische
Stephanie Huber (22) hat für ihren Artikel in ihrer ehemaligen Wahlheimat Südtirol recherchiert und dort das schöne Wetter genossen, während ihre Kommilitonen im Pulli zu Hause froren.

Redaktion anschreiben




Comments
Post new comment