einsteins - Das Magazin

Über das Magazin | Grußwort des CvD | Magazin-Geschichte

 

Auflage: 1500 Exemplare. Die Leser: die Elite der deutschen Kommunikationswissenschaft und Medienwelt. Die Macher: Journalistik-Studenten.

 

Die Situation gleich sich jedes Jahr: „Warum einsteins?“ – „Und der Genitiv, warum?“ 25 Augenbrauenpaare krümmen sich. Die frisch gebackenen Redakteure für ein Semester schauen den Chefredakteur verständnislos an. Gut, die ersten beiden Buchstaben sind identisch mit dem Autokennzeichen des Landkreises Eichstätt.

Was aber hat der deutsche Physiker mit einer monothematischen Zeitschrift zu schaffen?

 

Ein Schnäppchen: 600 000 Dissertationen

Die Geschichte erzählt sich wie von selbst, jedes Jahr aufs Neue: Ein umtriebiger Bibliotheksleiter einer kleinen deutschen Hochschule macht 1986 ein Schnäppchen. Die Universität Oslo will 600 000 Dissertationen loswerden, die unbeachtet in einem Lagerschuppen herumstehen.

Der Eichstätter Bibliotheksdirektor Hermann Holzbauer hört davon und fährt mit seiner Mannschaft und einigen eiligst gemieteten Lastwagen nach Norwegen, um die zweieinhalb Regalkilometer Doktorarbeiten abzuräumen. Einen Großteil gibt er an die Universität Ulm weiter.

Albert Einstein Die 143 000 Bände, die Holzbauer ins Altmühltal schafft, bergen einige wissenschaftshistorische Juwelen: Ferdinand Sauerbruchs fehlgeschlagene Studie über den Zusammenhang zwischen schlechten Schulnoten und schlechten Zähnen – Fazit: „Wir fanden nichts Neues“ – oder die Dissertation von Gustav Stresemann über die „Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts“.

Und schließlich: eine 17 Seiten schmale Promotionsleistung über „Die neue Bestimmung der Moleküldimensionen“; Autor: Albert Einstein. (als PDF lesen)

Albert Einstein (Quelle)    

 

Der Beginn: Ein Eichstätter Magazin

Der Fund von Einsteins Dissertation fiel in eine Zeit, als der Studiengang Journalistik sich im Bereich des Wissenschaftsjournalismus profilierte. Herausgeber Walter Hömberg hatte gerade eine große Studie über „Das verspätete Ressort“ vorgelegt. Da lag es nahe, die erste Nummer des Eichstätter Magazins dem Thema „Wissenschaft im Lokalen“ zu widmen.

Das war 1991.

Es folgten „Ökologie“, „Medien in der Region“, „Kultur in der Region“ und schließlich „Wirtschaft“. Mitte der Neunzigerjahre war die Region ausgebeutet, zumindest was die Sparten der Berichterstattung betrifft.

 

einsteins wird abstrakt: „Glück“ und „Humor“ statt Regional

Der neue Redaktionsleiter Wolfgang Pütz, der Ulrich Detsch abgelöst hatte (beide waren als Absolventen also quasi selbst produzierte Chefredakteure), nahm 1996 mit der Ausgabe Nr. 6 zum Thema „Zeit“ Abschied von der lokalen Beschränkung.

einsteins setzte von nun an auf abstrakte Themen, die in alle erdenkbaren Gesichtspunkte und Aspekte aufgegliedert werden: „Geruch“ etwa, oder „Kult“, oder „Humor“.

Über all die Jahre geblieben ist der Grundgedanke des Eichstätter Projektseminars: „Macherlebnisse“ sollen die Teilnehmer haben, in einem Semester etwas Vorzeigbares produzieren, das unter einem Dach entstanden ist.

Nichts umsonst steht die zugrunde liegende Übung „Zeitschriftenproduktion“ am Ende des Grundstudiums; hier sollen die Kenntnisse und Fertigkeiten der Praxisausbildung an einem Objekt angewendet werden: eine Art Leistungsschau direkt vor dem Vordiplom. (Der Studiengang hat mittlerweile auf den Abschluss "Bachelor" umgestellt, also auf drei statt fünf Jahre. - Anm.d.Red.)

 

Im Team produzieren

Das auf Ganzheitlichkeit abzielende Konzept – von der Themenfindung über die Redaktionsorganisation und die Anzeigenakquisition bis zur Druckvorstufe – stellt dabei vor allem Anforderungen an die Teamfähigkeit und die Kommunikationsfertigkeiten der Redakteure. „Soft skills“ sagen Personalberater heute dazu.

Das Monothematische ist und bleibt Programm von einsteins. Auch nach dem Ende der letzten konzeptionell verwandten Magazine wie „Transatlantik“ und „Spiegel Spezial“ (mittlerweile Spiegel Special) hat sich einsteins gegen ein Wundertütendasein gestemmt.

Der Preis ist bisweilen hoch. Die einzelnen Beiträge hätten im Durchschnitt sicher eine höhere Qualität, wären die Autoren freier in der Themenwahl und nicht an Begriffe wie „Stille“ oder „Trinken“ gebunden. Nicht jedem fällt zum Thema „Glück“ sofort etwas ein.

 

Die Gesamtleistung zählt

Aber einsteins ist eine Projektarbeit, deren Qualität sich nicht an der einzelnen Story, sondern an der Gesamtleistung bemisst. An der Frage, ob es gelingt, ein schwer greifbares Thema in möglichst viele interessante Facetten zu zerlegen. Gerne auch mal etwas schräger und unkonventioneller.

Gerade an diesem Anspruch droht das Projekt manchmal zu scheitern. Dem schrägen Blick, dem unkonventionellen Zugang sind natürliche Grenzen gesetzt. Die jährlich wechselnden Redaktionen repräsentieren nun mal das gesamte Spektrum an Mentalitäten, Anlagen und Persönlichkeitsstrukturen.

Nicht jedem Autor fällt ein, dass „Glück“ ein Knochen ist oder im Sinne der Chaosforschung eine berechenbare Größe sein müsste, mit der sich jeder Jackpot knacken lässt.

 

Das Magazin: erfolgreiches Scheitern

Da sich in jedem Jahr dem vorgegebenen Thema dann doch ein paar journalistische Perlen entreißen lassen, ist es letztlich ein erfolgreiches Scheitern, wie es die Handlungstheorie nennt. Immerhin haben einige Autoren ihre Beiträge auch in anderen Blättern veröffentlichen können.

Ein Artikel aus der Wissenschaftsnummer über den Flugsaurier Archäopteryx schaffte es vom Altmühltal in den „Rheinischen Merkur“. Dieser hat immer wieder mal Nektar aus dem Eichstätter Magazin gesogen. Mit der Ausgabe Nr. 11 über das Trinken konnte die Wissenschaftsredaktion des „Merkurs“ im vergangenen Jahr unter der Überschrift „Stoff zum Schlucken“ eine ganze Themenseite „zumachen“.

 

Feedback von den Profis

Hochkarätiges Feedback gibt es fast in jedem Jahr. Ob Intendant des Deutschlandradios, Hauptabteilungsleiter beim ZDF, Chefredakteure von dpa oder „Süddeutscher Zeitung“ – die Profis haben sich meist lobend über die Eichstätter Gesellenstücke geäußert.

Hans Werner Kilz beispielsweise schrieb als Rückmeldung auf Heft Nr. 10 zum Thema „Humor“, dass er Leser, die das SZ-Streiflicht missverstehen, in Zukunft mit dem entsprechenden Artikel der einsteins-Autorin versorgen wolle.

Die allerorten propagierte Wertschöpfungskette – Stichwort: Cross Media Publishing – wird seit 2003 von den einsteins-Machern nicht länger ignoriert. In Zusammenarbeit mit Online-Ausbilder Jens Schröter, einem Absolventen des Studiengangs, wurden die Inhalte des Glücksheftes (Nr. 13!) onlinespezifisch aufbereitet und – um neue Geschichten ergänzt – ins Internet gestellt.

Zuständig für die Eichstätter Online-Ausbildung ist mittlerweile Matthias Funk.

 

Die bisherigen Online-Ausgaben von einsteins:

 

„Wo soll das noch hinführen?“

Manche Anstöße, die einsteins gab, sind eher ambivalent. Doch letztlich kann auch das Plagiat dem Plagiierten zur Ehre gereichen. Da seinerzeit vergessen wurde, Titelschutz anzumelden, fand einsteins vor wenigen Jahren einen namentlichen Nachahmer.

Er heißt „1stein“ und ist das offizielle Magazin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. (Mittlerweile wurde das Magazin umbenannt: Zunächst in „Impuls“ und schließlich einfach in „BMBF Magazin“. Zu finden hier im Netz.)

Die für die einsteins-Redakteure schönste, weil anspornende, Rückmeldung stammt aus berufenem Mund beziehungsweise der Feder eines umtriebigen Blattmachers. Michael Haller, Ex-„Spiegel“-Redakteur und Journalistikprofessor an der Universität Leipzig, gratulierte zum Heft 2002 mit den Worten: „einsteins wird immer besser. Wo soll das noch hinführen?“

 

von Ralf Hohlfeld (aus: einsteins spezial: 40 Semester Journalistik in Eichstätt vom 4. Juli 2003. Nachdruck genehmigt. Text geringfügig aktualisiert.)