Ausgelacht an der Ampel

Mit diesem Elektroauto wird Autor Steffen Jüngst nicht ernst genommen. Bier geht auch nicht rein. 

Was will er also damit? Ein Praxistest.

von Steffen Jüngst       

Notiz: Den Test gibt es auch zum Anhören - in Steffens Audio-Reportage "Frosch im Selbsttest".

 

Die Stille täuscht

SamSam ist grün – mintgrün. Von außen sieht er aus wie der Anhänger, in dem mich mein Vater früher hinter seinem Fahrrad hergezogen hat, nur größer. Mit diesem „Auto“ soll ich also fahren.

Maximilian Stahl von der Fachhochschule Kempten weist mich kurz ein, dann klappe ich das riesige Fenster hoch – von einer Tür kann man kaum sprechen – und klettere hinein. Die mintgrüne Kapsel kommt vielleicht bei Kindern gut an, bei mir nicht. Ernst nimmt mich damit niemand.

Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss und warte. Es bleibt still, trotzdem leuchtet die Energieanzeige. Der Motor soll bereits startbereit sein. Sehnsüchtig denke ich an meinen Polo – der hat immerhin vier Zylinder und einen Motor, den man hört.


Singles bevorzugt

Drinnen fühle ich mich so, als befände ich mich in einer Raumkapsel. Rechts und links neben mir habe ich vielleicht zwanzig Zentimeter Platz, direkt hinter mir ist der zweite Sitz angebracht.

Sobald ich meinen Sitz zurückschiebe, um die Beine wenigstens ein bisschen auszustrecken, hätte ich jedem Mitfahrer das Schienbein gebrochen.


Akkuangst

Nach drei Kilometern zeigt die Akkuanzeige nur noch drei Viertel des Füllstandes an. Mir schwant Böses. Doch dank Energierückgewinnung während des Bremsens reicht die Batterie 60 bis 80 Kilometer weit.

Damit käme ich von Eichstätt immerhin bis nach Ingolstadt und zurück.


Spaß garantiert

Steffen und SamSchon an der ersten Ampel hält neben mir ein schwarzer Polo. Der Fahrer rollt sofort ein Stückchen zurück, schaut sich mein Auto genauer an. Dann zeigt er es seiner Beifahrerin und beide lachen.

Nie habe ich länger auf Grün gewartet. Nächste Ampel – die nächsten Menschen, die plötzlich sehr heiter wirken.

Aber kommt Sam bei allen Leuten so gut an? Ich frage nach. „Sehr eiförmig sieht das aus“, sagt ein Mann, der aus einem Jeep steigt. Andere sagen „wie ein Turborollstuhl“ oder „ein Insekt“.

So wie mich die Autofahrer an jeder Ampel anstarren, fühle ich mich tatsächlich wie ein Tier. Und zwar wie eines im Zoo.


Bei 90 am Limit

Ich dachte schon, mein Polo mit seinen 60 PS wäre langsam. Doch was Sam kann, lässt mich verzweifeln. Knapp zehn Sekunden dauert es, bis er 50 Stundenkilometer erreicht. Damit sehe ich auf zweispurigen Straßen nur die Rücklichter der anderen Autos.

Wenn man sehr lange freie Fahrt hat, kratzt die Tachonadel an der 90, allerdings hört sich „Sam“ dann so an, als fahre ein normales Auto 140 Stundenkilometer im dritten Gang.


Frauen oder Bier

Steffen in SamIch fahre auf den Parkplatz eines Einkaufcenters. Jede Lücke ist groß genug für mein Auto und mich. Endlich mal ein Erfolgserlebnis.

Nun aber zum wirklich Wichtigen: In den Kofferraum meines Polos passen vier Kästen Bier. Da Sam gar keinen Kofferraum besitzt, muss ich die Kästen auf den Rücksitz stellen. Ich kann schieben wie ich will: Mehr als zwei passen nicht rein. Die Dritte würde beim ersten Bremsen in Richtung Windschutzscheibe fliegen.

Bei der Geräumigkeit ist „Sam“ durchgefallen. Ob man nun eine schöne Frau mitnehmen möchte oder drei Kästen Bier: Hier geht gar nichts...


Schadenfreude inklusive

Sam ist ein Blickfang. In jeder Hinsicht. Er trägt dazu bei, dass sich die Laune jedes anderen Autofahrers schlagartig bessert. Deshalb muss man in jedem Fall mit Schadenfreude umgehen können, wenn man in dieses Elektroauto klettert. Immerhin startet der Motor lautlos.

Auf meinen 13 Jahre alten Polo freue ich mich trotzdem. Der ist nämlich nicht nur geräumig, sondern fährt sogar Tempo 170.

 

Steffen Jüngst (22) ist definitiv auf den Geschmack gekommen. Hat zuhause gleich seinen elektrischen Rasenmäher ausgepackt und ist losgeheizt. Fuhr sogar schneller als Sam.

Ein peinliches Erlebnis hat Steffen im Blogeintrag "Froschtest mit Hindernissen" verarbeitet. Da können Sie sich auch in einer Audio-Reportage anhören, wie Steffen sich im E-Auto fühlt - und was die Umstehenden dazu sagen.

 

Modellprojekt „eE-Tours“ – Elektromobilität im Allgäu

Das Allgäu gehört zu insgesamt sieben Modellregionen für Elektromobilität. Die Projekte werden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie von 2009 bis 2011 gefördert.

Im Allgäu werden im Rahmen des Projekts „eE-Tours“ verschiedene Elektroautos, E-Roller und E-Bikes an Touristikunternehmen wie Hotels aber auch Kurverwaltungen ausgeliefert.

Von dort können Touristen und Einheimische die Fahrzeuge,  wie zum Beispiel „Sam“, seit Anfang Juli mieten. Damit wird die Praxistauglichkeit der Elektromobilität im Tourismus erforscht. 

 

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